Die ganze Wahrheit über Zeitreisen

Innenansicht eines Zugwaggons
© privat

Bei einer Zugfahrt nach Frankfurt setzte sich ein Fahrgast in ein Abteil, in dem bereits ein anderer Passagier Platz genommen hatte. Der Zugestiegene beobachtete eine Weile sein Gegenüber, das ununterbrochen in ein Notizbuch schrieb, ganze Zeilen energisch durchstrich und immer wieder zwischen den Seiten hin und her blätterte. Schließlich brach er das Schweigen: »Was schreiben Sie da?«

Sein Gegenüber brauchte einen Moment, um aus seinen Gedanken aufzutauchen, war aber sichtlich erfreut über das Interesse. »Ich arbeite an meinem neuen Buch.«

»Aha … Und worüber schreiben Sie?«

»Eine Zeitreise.«

Der Zugestiegene horchte auf. »Tatsächlich? Dann sind Sie also Quantenphysiker. Wie interessant!«

»Nein, bin ich nicht.«

»Theoretischer Physiker?«

»Nein.«

»Wenigstens Astrophysiker?«

»Auch nicht. Ich bin Schriftsteller.«

»Na hören Sie mal!«, entrüstete sich der Zugestiegene. »Sie können doch nicht über Zeitreisen schreiben, wenn Sie keine Ahnung davon haben!«

Der Autor runzelte die Stirn. »Was heißt hier `Ahnung´? Ich beschreibe ja nicht im Detail, wie man eine Zeitmaschine baut. Mir geht es um die Gesellschaft der Zukunft.«

»Verstehe.« Der Zugestiegene nickte zufrieden. »Sie haben also jede Menge Daten gesammelt, um die Entwicklung vorhersagen zu können. Errechnet ein Computer die Wahrscheinlichkeiten?«

»Ich benutze lieber meine Phantasie.«

Sein Kritiker schnappte hörbar nach Luft. »Sie denken sich also irgendetwas aus und ich soll das dann glauben, oder was?«

»Es ist doch nicht meine Schuld, dass die wenigsten Menschen so weit in die Zukunft schauen und es deshalb keine Studien gibt.«

»Am Ende wollen Sie Ihren Lesern noch weißmachen, dass Sie einen Bericht über Ihre eigenen Erlebnisse schreiben!«

»Schon möglich. Aber damit wäre ich ja nicht alleine. Denken Sie an `Gullivers Reisen´ oder eben `Die Zeitmaschine´. Sie haben doch sicherlich nichts gegen diese Klassiker der Weltliteratur einzuwenden …«

»Wenn die Leute damals getäuscht wurden, ist das eine Sache. Heutzutage lassen wir uns keine Märchen mehr erzählen! Welchen Nutzen soll es bitte haben, Ihre Spinnereien zu lesen? Was haben Sie überhaupt für Qualifikationen?«

Der Autor verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich bin Doktor der Literaturwissenschaft.«

»Sehen Sie!«, rief der Zugestiegene, der seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt sah, und zeigte anklagend auf sein Gegenüber. »Wenn Sie etwas Vernünftiges gelernt hätten, könnte ich Sie jetzt ernst nehmen. Aber so …«

Dem Autor riss der Geduldsfaden. Es wurde Zeit für den ultimativen Gegenschlag. »Ich höre heraus, dass Sie lieber ein Fachbuch über das Konzept von Einstein-Rosen-Brücken und die Faltung der Raumzeit lesen würden als einen Roman?«

Der Zugestiegene geriet ins Stocken. »Ich … Ich weiß nicht … Das klingt sehr … kompliziert.«

»Da haben Sie recht. Um solch einen Text zu verstehen, muss man einige Jahre studiert haben, und selbst dann ist es nicht leicht. Wie viele Doktortitel haben Sie gleich?«

»Keinen.«

»Oh … Nun ja, in diesem Fall würde ich Ihnen davon abraten, zu einem Fachbuch zu greifen. Aber wissen Sie was?« Damit zog der triumphierende Autor eine Taschenbuch-Ausgabe eines seiner Werke aus dem Koffer, das er für solche Gelegenheiten mit sich herum trug. »Meine Geschichten sind allgemein verständlich und sehr spannend geschrieben. Lesen Sie während der Fahrt doch in meinen jüngsten Roman hinein.« Wenn er jetzt keinen Fehler machte, würde er am Ende sogar ein Buch verkaufen können! Der Tag fing insgesamt gar nicht schlecht an!

Der andere Fahrgast verzog jedoch das Gesicht und lehnte sich weit in den Sitz zurück. »Ach wissen Sie, lesen ist eigentlich nicht so meins …« Er senkte den Blick und suchte angestrengt nach seinem Smartphone. »Geben Sie mir doch einfach Bescheid, wenn Ihre Geschichte verfilmt wird. Filme mit Zeitreisen sind toll! Kennen Sie `Zurück in die Zukunft´?« Er deutete das fassungslose Kopfschütteln seines Gegenübers fälschlicherweise als Antwort auf die Frage, zuckte über so viel Ignoranz mit den Schultern und beendete die Unterhaltung mit dem Aufsetzen der Kopfhörer.

Der Autor wiederum verwarf in diesem Moment den bisherigen Plot seines neuen Romans: Eine Zeitreise in die Zukunft schien ihm wenig erstrebenswert.

Logo von Alicia Hartung

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen